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1. April 2013 | 1476 Artikelaufrufe

Gesunder Menschenverstand und Augenmaß im Management

Inzwischen sind die Erkenntnisse recht zahlreich: Management funktioniert nicht so, wie das in den Lehrbüchern beschrieben wird!

 

In der klassischen Definition ist Management ein rationales Geschäft

Manager planen, organisieren, ordnen an, koordinieren und kontrollieren; sie sind verantwortlich für Effizienz und Produktivität. Das Handeln des Managers ist demnach instrumental, strebt nach möglichst großer Effizienz und ist anhand der erzielten Resultate sichtbar und überprüfbar.

Theorie und Wirklichkeit

Das tatsächliche Verhalten erfolgreicher Führungskräfte ist dem gegenüber charakterisiert von langer Anwesenheit, zerstückelten Episoden und mündlicher Kommunikation. Es ist eher informell denn systematisch, eher reaktiv denn reflektierend, eher chaotisch denn gut organisiert. Die Tätigkeit ist eher hektisch, sprunghaft, vielfältig und unübersichtlich (J. Kotter The General Manager).

Der Bestsellerautor Malcolm Gladwell beweist in seinem Buch Blink, dass Spontanentscheidungen genauso gut sein können, wie monatelange rationale Analyse. Der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen begründet, dass für komplexe Entscheidungen ein analytisches Vorgehen sogar ungeeignet ist.

Flankiert werden solche Hinweise mit einer zunehmenden Hektik der Führungskräfte, die nahezu täglich den vermeintlichen Innovationen nachrennen und neue Begriffe behände in ihre zahlreichen Power Point Präsentationen integrieren. Maßnahmen werden addiert und verstärkt, auch wenn eine Gesamtidee fehlt. Alles soll gemessen werden und ‚Key Performance Indicators‘ sind in aller Munde.

Oft scheint es kaum eine Rolle zu spielen, dass damit das Pferd am Schwanz aufgezäumt wird, weil Probleme und Ziele nicht klar definiert sind. Schließlich wird etwas getan, nur weil es sich besser messen lässt. Pseudoprofessionalismus ist die Folge. Alles wird kompliziert, zerfasert, aufgebauscht und vor allem zu wenig geprüft, verdichtet, fertig gemacht und ausgereift.

 

Aus solchen Hinweise ist es schwierig, eine Lehre für Management und Marketing abzuleiten. Einige Folgerungen sind:

  • Analytik, Methoden und Konzepte gilt es zu relativieren; sie sind bei weitem nicht alles. Manchmal sind sie aber nützlich, um gute eigene Lösungen zu schärfen und besser zu erklären.
  • Wer wirksam gestalten will, braucht den Mut zum Wesentlichen. Um auszuwählen ist das Gespür wichtig, was zum Unternehmen, zu Mitarbeitern und Kunden passt. Die Gesamtidee und das Grundsätzliche sind wichtig; der Strom und nicht die kleinen Wellen. Vereinfachung ist der Anspruch.
  • Es braucht Augenmaß. Entscheidend ist es die richtigen Gewichte zu setzen. Mit dem Augenmaß klingen auch Tugenden des Realismus, der Bescheidenheit, der Demut und der Sparsamkeit an. Wer sich und Unternehmen überhöht, fällt meistens tief.
  • Management und Marketing sind vor allem anspruchsvolle, individuelle Lernprozesse. Der Fortschritt der Disziplinen wird nämlich laufend überschätzt.


Quintessenz ist die Forderungen nach gesundem Menschenverstand

Er beruht auf Fakten, Erfahrungen, Gefühl und Menschenkenntnis. Kurz: Auf dem Gesamterlebnis der Entscheider und Gestalter. Den gesunden Menschenverstand hat nicht einfach jeder, vielmehr ist es anspruchsvoll, ihn laufend zu entwickeln. Er stützt sich auf eine offene und kritische Wahrnehmung sowie die Fähigkeit, die erfassten Aspekte zu gewichten, zu verknüpfen und situationsgerecht zu nutzen. Damit ist gesunder Menschenverstand wohl das Beste, was eine Führungskraft anstreben kann.

 

Text_Prof. Dr. Christian Belz, Ordinarius für Marketing an der Universität St. Gallen und Geschäftsführer des Instituts für Marketing für die Vertriebszeitung

Gesunder Menschenverstand und Augenmaß im Management
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Prof. Dr. oec. Christian Belz ist Ordinarius für Marketing an der Universität St. Gallen (HSG) und seit 1991 Direktor des Instituts für Marketing und Handel (IMH). und Mitherausgeber der Marketing Review St. Gallen. Die Kompetenzzentren des Instituts sind: Business-to-Business, Hightech Marketing und Marktbearbeitung, Markenführung, Distribution und Kooperation, Internationales Handelsmanagement (Gottlieb Duttweiler Lehrstuhl), Marketingplanung und –controlling.

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