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17. Oktober 2014 | 2522 Artikelaufrufe

Experimentieren im Führungsalltag

Musterbrecher – Der Mut, im Führungsalltag zu experimentieren

Von außen betrachtet wirken Vertriebsorganisationen oft sehr vielfältig. Sieht man dann genauer hin, erkennt man dass sie doch alle ziemlich identisch sind. Unternehmen, die aus dem System ausbrechen und Mut zeigen im Führungsalltag zu experimentieren nennen die Managementberater Dr. Stefan Kaduk und Dr. Dirk Osmetz in ihrem Vortrag am DVVK 2014 Musterbrecher. Solche Musterbrecher verlassen sich nicht auf Best Practice und Standardprojekte sondern versuchen den Betriebsalltag auf ihre eigene Weise zu optimieren – meistens mit Erfolg. 

Manager verbringen den Großteil ihrer Zeit damit das Bestehende nach konventioneller Logik zu optimieren. Ihnen fehlt oft der Mut neue Methoden auszuprobieren. Überall dieselben Systeme, Prozesse und Strukturen. Überall wird die gleiche Standardsoftware verwendet, die gleichen Incentives angewendet und nur wenige Unternehmen denken quer. Unternehmen, die aus dem System ausbrechen und Neues auszuprobieren, nennen Kaduk und Osmetz in ihrem gemeinsamen Vortrag am 37. Deutschen Vertriebs- und Verkaufsleiterkongress in München Musterbrecher. Unternehmen, die substantiell etwas anders machen als einfach das Falsche zu präzisieren, sind aber sehr rar gesät.

Vertrauen, Transparenz, Eigenverantwortung – leere Begriffe oder gelebte Realität?

Ein Student hat die Leitbilder von 60 Unternehmen verglichen und festgestellt, dass sie sich alle ähnlich sind. „Schlagworte wie Vertrauen, Transparenz, Leidenschaft, Begeisterung, Respekt, kommen in allen Unternehmen vor, so als gäbe es in Word eine Formatvorlage für Unternehmensleitbilder. Die Begriffe sind erstaunlich austauschbar. Wir benutzen diese Begriffe ohne noch wirklich zu wissen was dahinter steckt. Wir müssen wieder richtig hinter die Begriffe sehen und sie durchleuchten und verstehen. Leitbilder nach Vorlage machen keinen Sinn,“ so Kaduk.

Dirk Osmetz stellte die Frage: Was würde passieren, wenn jeder Mitarbeiter zu jeder Zeit jeden Prozess im Unternehmen verändern dürfte? Eigentlich kaum vorstellbar. Die Firma Synaxon AG, die größte IT-Verbundgruppe Europas mit 160 Mitarbeitern in der Kerngruppe, hat das dennoch versucht und hatte mit dieser Strategie Erfolg.

2007 wurde durch den CEO ein Firmenwiki eingeführt, das jedem Mitarbeiter erlaubt, Veränderungen am System vorzunehmen. 500 000 Veränderungen wurden seit der Einführung des Systems durch die Mitarbeiter vorgenommen aber es gab keinen einzigen Missbrauch. Im Gegenteil: Die Mitarbeiter versuchen die Organisation gemeinsam zu optimieren, vertrauen einander und sind heute bestens selbst organisiert. 2012 wurde das Liquid Feedback System eingeführt durch das man bei Synaxon anonym Initiativen für das Unternehmen starten kann. Wie zum Beispiel die Anschaffung eines Betriebsfahrrads, oder die Initiierung einer betriebseigenen Kindertagesstätte. Für die Umsetzung einer Initiative ist die Zustimmung einer einfachen Mehrheit der Mitarbeiter nötig. Geschäftsführer setzen ihr Veto nur dann ein, wenn die Gefahr von Missbrauch besteht. Bisher wurde alles umgesetzt, was die Mitarbeiter mit Mehrheitsbeschluss vorgeschlagen hatten.

Solche Musterbrecher haben Mut im Führungsalltag zu experimentieren. „Aus Experimenten erlangt man Erkenntnisse. Eine Kultur kann man nicht durch Projekte verändern, nur durch Experimente. Man kann Mitarbeiter nicht dazu bringen eine Haltung der Kundenorientierung einzunehmen rein durch Projekte ohne Experimentierfreudigkeit,“ so Kaduk.

Experimentieren erfordert Mut und mündige Mitarbeiter

Der Chef der Südost Bayernbahn hatte eines Tages beschlossen in Richtung Kundenorientierung umzudenken. Er wollte seinen 800 Mitarbeitern besser zur Verfügung stehen und führte eine Sprechstunde ein. Die Nachfrage war aber so gut wie nicht vorhanden, da die Mitarbeiter dieses Angebot nicht gewohnt waren. So beschloss er, den Spieß umzudrehen und selbst auf die Mitarbeiter zuzugehen. Er startete eine spannende Aktion: Das Reinigungspersonal der Züge belegt in der hierarchischen Ordnung die unterste Ebene. Deren Tätigkeit ist aber für den Fahrgast und sein Wohlbefinden auf der Reise von hoher Bedeutung. Also half der CEO kurzerhand mit einigen hochbezahlten Kollegen bei der Reinigung mit und machte bewusst, wie hart der Job ist. „Die teuerste Fahrzeugreinigung aller Zeiten“ bewirkte, dass für die betroffenen Mitarbeiter bessere Bedingungen geschaffen wurden und so ein wertvoller Beitrag zu deren Zufriedenheit geleistet wurde.

Osmetz findet es klug, verschwenderisch in Menschen zu investieren. Experimentieren heißt mutig sein. Bedingungen für selbstbestimmtes und sinngetriebenes Arbeiten sind heute eine notwendige Voraussetzung für Erfolg. Warum? Unternehmen stehen vor zwei wesentlichen Herausforderungen. Die zunehmende Umweltkomplexität darf nicht durch noch mehr interne Bürokratie zum Wirtschaftlichkeitskiller werden und Talente sind immer schwerer zu binden. Die Antwort auf Beides: Ein Abschied vom herkömmlichen Management und Organisationsaufbau aus Hierarchien und Abteilungen.

Bedingungsloses Vertrauen fördert Loyalität

Der stressgewohnte Gründer eines Unternehmens in Schwaben wollte mehr Zeit für seine über Jahre vernachlässigte Familie gewinnen und sich selbst und der Welt durch ein gewagtes Experiment beweisen, dass es Sinn macht, Mitarbeitern mehr Verantwortung zu überlassen. Obwohl 95 % der Akquise über den Gründer selbst lief, beschloss er, drei Monate lang eine Weltreise mit seiner Familie zu machen. Bei einer derartig risikoreichen Aktion ist großes Vertrauen Voraussetzung. Sein wichtigstes Signal an die Mitarbeiter war, dass er ihnen zu 100% vertraute. Alles klappte bestens in seiner Abwesenheit und als er zurück kam, stellte er fest, dass einige Mitarbeiter  im Unternehmen die Akquise so gut beherrschten wie er selbst.

Die Firma Elbdudler GmbH arbeitet derzeit an einer einvernehmlichen Gehaltswahl. Jeder soll unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens und nach Beantwortung folgender vier Fragen sein Wunschgehalt selbst festlegen:

  1. Wie viel will und brauche ich?
  2. Wie viel bekomme ich auf dem freien Markt?
  3. Was bekommen meine Kollegen?
  4. Was kann sich die Firma leisten?

Der Gehaltswunsch muss dann von zwei bis fünf Kollegen „freigegeben“ werden. Bisher kam es weder zu Missbrauch noch zu Selbstüberschätzung. Dennoch bedarf diese Maßnahme einer ganzen Menge Vertrauen in die Mitarbeiter.

Entmündigung nimmt den Spaß an der Arbeit

Der ständige Zwang zu reporten, Regeln einzuhalten und Ziele zu erreichen, kann manchmal zur Entmündigung mündiger Menschen und zum Spielen von Rollen führen. Man sollte sich fragen, was Einsparungsprogramme kosten oder wie viele Innovationen durch Innovationsmanagement verhindert werden. Beim Versuch, Abläufe zu perfektionieren wird oft der Spaß vergessen. Durch Incentives versuchen Unternehmen ihre Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu bewegen. Laut Osmetz und Kaduk kann man deren Haltung und Einstellung aber nur durch Erfahrungen ändern. Die Haltung des Menschen ist die Summe seiner Erfahrungen. Man muss den Mitarbeitern also Erfahrungsfreiräume schaffen und Erlebnisse vermitteln, die ihnen unvergesslich bleiben. Entwickeln können sich Mitarbeiter nur selbst, aber die Basis für das Sammeln von Erfahrungen muss vom Unternehmen geboten werden. Das erfordert Ausdauer und Geduld. Kaduk ist überzeugt:

„Nicht alles was man ausprobiert wird funktionieren, aber alles was funktioniert wurde irgendwann ausprobiert. Die wirklich wichtigen Innovationen entstehen nicht aus Innovationsprozessen sondern spontan durch verrückte Ideen und Experimente. Die Zukunft liegt in der agilen Netzwerkorganisation, in der die Wirtschaftlichkeit wieder zunimmt und Menschen sich verwirklichen können. Mehr Leidenschaft, Begeisterung, Motivation und Spaß bei der Arbeit führt zu leistungsfähigeren Menschen und Organisationen.“

Musterbrecher – Der Mut, im Führungsalltag zu experimentieren
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Promovierte Publizistin. Langjährige Erfahrung in Journalismus, PR, Vertrieb, Marktforschung und Eventmanagement. Seit 2008 als freie Journalistin tätig, spezialisiert vor allem auf die Themen Vertrieb, Bildung und Arbeitsmarkt. Davor in Wien angestellt beim Verlag und Herausgeber der österreichischen Bildungsführer und Arbeitsmarktbroschüren. Zuständig für Redaktion und Messeauftritte, PR und Betreuung der Großkunden.

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