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1. Januar 2014 | 2304 Artikelaufrufe

Praxisorientiert...

Praxisorientiert…

„Der Vortrag war praxisorientiert“; so eine Studentin nach der Vorlesung. „Der Ansatz gefällt mir, er ist sehr praxisorientiert“; so die Führungskraft nach einer Einführung für einen Workshop. Den „praxisorientierten Professor“ erwähnt eine Fachzeitschrift.

Meinen alle das Gleiche? Wann empfinden Studierende, Führungskräfte oder Öffentlichkeit einen Beitrag als theoretisch und praxisfern? Praxisorientierung ist vielschichtig und es lohnt sich, diese Bezeichnung genauer zu betrachten.

Aspekte einer Praxisorientierung sind dabei:

  • Bestätigung: Praxisorientiert ist, was erwartet wird. Sender und Empfänger einer Botschaft stimmen überein, stützen sich auf gleiche Einsichten oder setzen ähnliche Gewichte. Jeder Empfänger hat Absichten, werden sie unterstützt, so ist das relevant und nahe an der Praxis. Auch werden bereits bestehende Vorhaben eher umgesetzt. Verstärkt wird dieses Phänomen für Themen, bei denen sich die Empfänger bereits selbst als Experten einschätzen und scheinbar schon wissen, ‚wie es funktioniert‘. Nur können auch neue Dinge sehr praxisorientiert und wichtig sein und sie werden doch abgelehnt. Fremdes wirkt schon abgehoben.
  • Unterhaltung: Vorträge und Publikationen, die Spass machen, wirken praxisorientiert. Überhaupt beurteilen Empfänger oft sämtliche Kriterien eines Beitrages nach einem Gesamturteil. Was gut unterhält ist dann plötzlich auch praxisorientiert, fundiert, anregend, innovativ usw.
  • Einfachheit: Die Praxis braucht einfache Methoden und Lösungen, so die verbreitete Forderung. Deshalb wirken einfache Ansätze praxisorientiert, obschon sie der vielschichten Realität nicht entsprechen. So wirken banale Vorschläge oft wunderbar praxisorientiert. Einfache Konzepte, Abläufe, Regeln, Checklisten wirken dann problematisch, wenn sie Scheinsicherheiten nähren und das trügerische Gefühl vermitteln, vermeintlich alles im Griff zu haben. Mit Systematiken und Methoden meinen Führungskräfte schon alles im Griff zu haben, obschon die Inhalte das Wesentliche sind.
  • Klarheit: Eindeutige und klare Aussagen wirken praxisorientiert. Offenheit, Komplexität und Spannungsfelder widersprechen diesem Anspruch. Empfänger wollen keine Auswahl mit vielen Methoden und Ansätzen, sondern sie suchen nur das Richtige und Passende. Um klar zu sein, werden deshalb vielschichtige Phänomene reduziert betrachtet und weitere Zugänge ausgeschlossen. Das kann ein Vorteil sein, aber ebenso gefährlich. Vorschläge, die sich an spezifischen Problemen und Situationen orientieren, sind immer breit und differenziert. Die Realität tut uns nicht den Gefallen, in theoretisch abgegrenzten Disziplinen daher zu kommen.
  • Konkretisierung: Manche Aussagen sind abstrakt und umfassend, andere konkret und detailliert. Beispielsweise lässt sich Customer Centricity (Kundenorientierung) als allgemeiner Ansatz abhandeln, oder einzelne Bausteine – bis zum qualifizierten Beratungsgespräch – lassen sich vertiefen. Wirkt Abstraktes oder Konkretes praxisorientiert? Bei allgemeinen Aussagen denkt sich jeder Empfänger etwas Eigenes und das wird natürlich als praxisnah empfunden. Umso konkreter ein Vorschlag ist, desto größer ist auch das Risiko, dass er nicht auf die spezifische Situation des Empfängers passt. Zudem sind konkretisierte Ansätze immer umfangreicher als übergeordnete und damit wird das Aufnahmevermögen der Empfänger strapaziert. Deshalb die erstaunliche Vermutung, Abstraktes wirkt oft praxisnäher.Gleichzeitig beeindrucken oft kleine, in sich geschlossene Experimente, Ergebnisse, Geschichten. Konkrete einzelne Beispiele wirken deshalb wieder praxisnah.Für Empfänger wirken fertige Lösungen praxisnäher, als angedachte Möglichkeiten. Was nach rascher Aktion klingt, wirkt besser, als zu eigenem Denken anzuregen. Sind noch viele eigene Gedanken, Entwicklungsarbeit und Anpassungen nötig, so wird der Aufwand oft gescheut und die empfundene Distanz zur Anwendung wird zu groß. Was noch viel eigene Arbeit des Empfängers verursacht, wird leicht als praxisfern betrachtet. Impulse mit verschiedenen Lösungen sind aber oft wichtiger für die Praxis, als praktische Anleitungen. Wertvolle Fragen sind oft wichtiger, als fertige Antworten.
  • Kurzfristigkeit: Was bereits morgen erledigt werden kann, scheint praxisnäher als Vorschläge, die erst hartnäckig verfolgt werden müssen und erst langfristig etwas bewirken.
  • Nutzbarkeit: Will ein Zuhörer oder Leser die erlernten Vorschläge anwenden und kann er das auch? Ob ein Empfänger einen wichtigen Ansatz verfolgt, entscheidet er selbst. Er kann viele nötige Initiativen ausschließen. Mit dem Nein-Entscheid ist die Praxisferne quasi bereits bestimmt.Transfer ist beispielsweise ein häufiger Anspruch von Schulungen. Nur ist Transfer nicht das einzige Gütekriterium für mehr Praxis. Auch der Entscheid einen Vorschlag nicht zu verfolgen ist praktisch relevant. Zudem führen Vorschläge oft zu ganz anderen Lösungen beim Einzelnen. Etwas 1:1 anzuwenden, kann nicht der alleinige Anspruch der Praxis sein. Trotzdem ist es selbstverständlich Anspruch, die Vorschläge in Publikationen und Vorträgen so einzubringen, dass sie dem Anwender auch helfen. So dass er kann, wenn er will.

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Diese Punkte hängen auch zusammen. Die empfundene Praxisorientierung lässt sich durch Referenten und Autoren mit jedem Aspekt gestalten.

Natürlich hängt die empfundene Praxisorientierung von den Empfängern eines Vortrags oder einer Fachpublikation ab. Studierende haben beispielsweise eine begrenzte praktische Erfahrung. Deshalb brauchen sie nicht nur praktische Lösungen, sondern es gilt, vorerst die Voraussetzungen und Herausforderungen der Praxis zu erklären. Der Bezug einer Führungskraft ist hier ganz anders.

Empfänger von Botschaften haben aber nicht nur ein unterschiedliches Vorwissen. Sie bewegen sich in einer eigenen Branche, in einem besonderen Unternehmen, in einer spezifischen Funktion. Die Rollen, Vorgaben, Aufgaben, Prioritäten, Spielräume der Empfänger unterscheiden sich. Demgemäß passen Vorschläge auch unterschiedlich. Beispielsweise gibt es im Marketing Gesamtverantwortliche CMO, es gibt Leiter für Marketing & Vertrieb, es gibt Marktforscher oder CRM-Verantwortliche. Die Spezialisierung, besonders in Konzernen, wächst bekanntlich. Was für den Einzelnen praxisrelevant ist, unterscheidet sich damit stark.

 

Fazit:

Es gibt Praxis, Forschung und Realität. Die Realität muss der Bezug sein, Praktiker und Forscher nähern sich der Wirklichkeit an und haben je ein verzerrtes Bild. Praktiker sind oft der Realität nicht näher.

Sprüche, wie: „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“, nützen wenig. Etwas als praxisnah oder praxisfern zu bezeichnen, ist kein qualifiziertes Urteil. Mit diesem Feedback können auch Verantwortliche für Lehre und Forschung noch wenig anfangen. Was zudem besonders praktisch daherkommt, ist der Realität häufig nicht angemessen.

 

Prof. Dr. Christian Belz, Ordinarius für Marketing an der Universität St. Gallen und Geschäftsführer des Instituts für Marketing für die Vertriebszeitung

Bild: © Christian Belz

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Prof. Dr. oec. Christian Belz ist Ordinarius für Marketing an der Universität St. Gallen (HSG) und seit 1991 Direktor des Instituts für Marketing und Handel (IMH). und Mitherausgeber der Marketing Review St. Gallen. Die Kompetenzzentren des Instituts sind: Business-to-Business, Hightech Marketing und Marktbearbeitung, Markenführung, Distribution und Kooperation, Internationales Handelsmanagement (Gottlieb Duttweiler Lehrstuhl), Marketingplanung und –controlling.

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