| Wie tragfähig ist die Spezialisierung?
1. März 2012 | 1822 Artikelaufrufe

Verdienen kleine Unternehmen eine Sonderstellung?

Besonders in der Schweiz sind die rund 300.000 Klein- und Mittelunternehmen (KMU) beliebt, ja sie haben beinahe einen Glorienschein. Schon in Deutschland, noch stärker in China haben kleine Betriebe keinen Sonderstatus.

‚Small ist beautiful‘ (E.F. Schumacher) ist keine Vorgabe. Verdienen kleine Unternehmen eine besondere Stellung? Beispielsweise, weil es viele gibt? Weil es sich um überschaubare Unternehmen handelt, die auch Laien irgendwie verstehen?

Kürzlich diskutierte ich mit einem Unternehmer, der mich auf diese Betrachtung einstimmte (Gespräch mit Dr. Christian Walti, Kilchberg).

Drei Hinweise waren beispielsweise:

  • Da erzählt mir ein Inhaber, dass sein Betrieb bereits in der 3. Generation geführt wird. Auf Nachfrage bemerkt er, dass 20 Mitarbeitende angestellt sind. Da frage ich mich dann, war es das?
  • Viele kleine Unternehmen scheinen laufend im Überlebenskampf zu stehen. Das klingt nicht gerade nach Erfolgsmodell.
  • Manche kleine Unternehmen sind in ihrem Markt die Ersten, nur schmerzlich, wenn Wettbewerber die Innovation nutzen und damit wachsen.

Bei aller Sympathie für Kleinunternehmen und ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung, sie stehen doch alle in der Realität der Märkte und es ist kontraproduktiv, sich selber Sand in die Augen zu streuen.

Tatsächlich hat der Unternehmer im Kleinbetrieb aber auch persönliche Ziele, die seine Lebens- und Arbeitsqualität betreffen. Vielleicht will er sich in konkreten Kundenprojekten engagieren und nicht zunehmend nur managen.

 

Deshalb stellt sich die Grundfrage: Gelingt es klein zu bleiben und erfolgreicher zu werden?

In der Regel verhalten sich Wettbewerb und Kunden dynamisch und der Kleinunternehmer bewegt sich nicht im geschützten Raum. Individualisierung wird durch Standardisierung bedrängt. Meistens wachsen auch die nötigen Investitionen, um Schritt halten zu können. Wer immer das Gleiche anbietet und bedrängt wird, hat nur Multiplikation und Wachstum als Option.

Um klein zu bleiben und erfolgreicher zu werden, erkenne ich nur eine Option: Das Kleinunternehmen verändert laufend sein Angebot.

Es verlagert die Schwerpunkte der Tätigkeit auf die lukrativsten Teile und schneidet Leistungen mit kleiner Rendite ab. Dazu gehört Innovation. Dazu gehört Selektivität oder Spezialisierung. Wer zu schlechten Geschäften nicht nein sagen kann, der ist verloren. Wer attraktive Kunden und Leistungen wählen und verstärken kann, der gewinnt.

Die qualifizierte Reaktion von Dr. Christian Walti auf den vorstehenden Text will ich dem Leser nicht vorenthalten:

„Ich bin überzeugt, dass in der Innovationskraft von Unternehmen der Schlüssel liegt. Übrigens ist genau dies der wichtigste Wachstumstreiber, welcher KMU aus der Kleinheit herausführen kann.Spezialisierung halte ich für wichtig und richtig – mit zwei Einschränkungen: Erstens bedingt ein Wechsel im Leistungsangebot üblicherweise Entwicklungsprojekte, welche immer weniger von Kunden bezahlt werden wollen. Zudem beinhalten Entwicklungsprojekte stets Risiken, die Kostenfolgen haben. Besonders kritisch ist z.B. der Anlagenbau, wo man normalerweise eine Stückzahl 1 produziert, dabei entweder einen satten Gewinn einstreichen kann oder andernfalls als KMU evtl. sogar das Überleben gefährdet (nicht selten der Grund für Konkurs).Zweitens braucht man auch bei Spezialisierung einen tragfähigen Markt. KMU’s bedienen oft eine Nische in der Nische, wodurch die kritische Größe nicht erreicht werden kann und ein Wachstum à priori schon ausscheidet. Bei negativen Konjunkturentwicklungen oder diskontinuierlichen Entwicklungen mit einzelnen Kunden droht ebenfalls das Ende.Absolut zentral bleibt aber für alle Unternehmen jeder Größe die Konzentration auf gewisse Teile der Wertschöpfungskette, für Schweizer Unternehmen heute im internationalen Wettbewerb mit der gegebenen Wechselkurssituation ganz besonders. Wachstum ist kein Heilwort, aber zur Risiko-Diversifikation doch sehr wesentlich.

 

Klar wird: Kleinunternehmen sind eine generelle Abgrenzung. Es braucht spezifische Ansätze, die sich auf einzelne Unternehmen in ihren Märkten konzentrieren.

 

Text_Prof. Dr. Christian Belz, Ordinarius für Marketing an der Universität St. Gallen und Geschäftsführer des Instituts für Marketing

 

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Prof. Dr. oec. Christian Belz ist Ordinarius für Marketing an der Universität St. Gallen (HSG) und seit 1991 Direktor des Instituts für Marketing und Handel (IMH). und Mitherausgeber der Marketing Review St. Gallen. Die Kompetenzzentren des Instituts sind: Business-to-Business, Hightech Marketing und Marktbearbeitung, Markenführung, Distribution und Kooperation, Internationales Handelsmanagement (Gottlieb Duttweiler Lehrstuhl), Marketingplanung und –controlling.

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