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31. Oktober 2014 | 2717 Artikelaufrufe

Jobwechsel im Vertrieb

Jobwechsel im Vertrieb: Achtung Stolpersteine

VEin Fall aus Sachsen zeigt, worauf Jobwechsler im Vertrieb beim Abgang achten sollten. Personalexpertin Anna Pietrus gibt Tipps.

Es hätte leicht schlief gehen können…

Wie Stephan Schneider die Stelle wechselte, lässt sich nicht als Idealfall bezeichnen. Der heute 57-Jährige Ingenieur mit Schwerpunkt im Vertrieb hat „vor Jahren meinen Lebenslauf in einer Wirtschaftszeitung gelesen“, wie er sagt. Ein Verpackungsunternehmen suchte in einer Stellenanzeige einen Geschäftsführer, der internationale Vertriebs-Erfahrungen gesammelt hat, Englisch und Französisch spricht und Branchenkenntnisse vorweisen kann. Schneider arbeitete damals bei Hoechst im Saarland und wollte seinen Hut in den Ring werfen.

Alles passte und er wurde zu zwei Vorstellungsgesprächen nach Sachsen eingeladen. Am Vormittag eines 30. Juni klingelte dann Schneiders Telefon. Am anderen Ende sprach mit hanseatischer Stimme einer der Beiräte. Man habe sich für ihn entschieden und könne sich vorstellen, neun Monate auf ihn zu warten. Denn Schneiders Kündigunsfrist betrug damals ein Dreivierteljahr. Allerdings: „Zwölf Monate warten wollten die Herren damals nicht“, erinnert sich Schneider. So war er gezwungen, noch am selben Tag seinen Job als Gebietsverkaufsleiter Südeuropa zu kündigen, um die Chance auf den kaufmännischen Geschäftsführerposten zu wahren. Und das ohne einen schriftlichen Vertrag vorliegen zu haben.

Denn auf den Firmenanschluss wollte sich Schneider ein Fax nicht schicken lassen. „Das Gerät speichert die Daten und die sind auslesbar, das wolle ich nicht“, erzählt er von seiner schwierigen Situation. Allerdings versprach der Hanseate, ihm den Vertrag noch am selben Tag mit der Post zu senden. Der damals 40-Jährige sagte sich damals: „Wenn ich dem Beirat, meinem künftigen Aufsichtsorgan, schon jetzt nicht traue, kann ich unmöglich dort als Geschäftsführer arbeiten.“ Eine Stunde später reichte er seine Kündigung ein.

Ohne feste Zusage nicht kündigen

„So ein Verhalten ist, formal betrachtet, unklug“, urteilt Anna Pietrus. Die Personalchefin von Skillsoft, einem global agierenden Unternehmen für digitales Lernen mit Europa-Sitz in Düsseldorf, kann aber Schneiders Entscheidung nachvollziehen. Dennoch betont die HR-Expertin: „Wer seinen Job ohne Arbeitsvertrag in der Tasche kündigt, handelt schlichtweg fahrlässig.“ Zwar könne in der Regel auf mündliche Zusagen der Unternehmen vertraut werden. Doch auch bei strukturierten Konzernen passieren Fehler und seien es Formalien, wie das Vergessen der Informationspflicht des Betriebsrats. Wer dann auf einmal ohne Job da steht, trage die Schuld selbst, sagt Pietrus.

Professionelles Verhalten vom Jobwechsler…

Um wiederum sauber aus seinem bestehenden Arbeitsvertrag aussteigen zu können, suchte Schneider das Gespräch mit seinen beiden Hoechst-Chefs. Der eine, ein Engländer, reagierte souverän. Er, Schneider, solle sich nach seinem Urlaub bei ihm melden, um die Übergabe zu besprechen. „Der andere, ein Deutscher, war weniger entspannt“, berichtet der heutige geschäftsführende Gesellschafter der Umformtechnik Radebeul. Seine Forderung: Er solle die vollen neun Monate des Arbeitsvertrags erfüllen. Für HR-Expertin Pietrus nichts Ungewöhnliches. High Potentials wie Verkaufsleiter würden öfters unmittelbar nach der Kündigung freigesetzt, wenn sie zur Konkurrenz wechseln wollten und oft obendrein mit einem Arbeitsverbot belegt. Bei Schneider lägen die Dinge jedoch anders, weil er nicht innerhalb der Branche die Position wechseln wollte. Als Kompromiss handelte er am Ende eine dreimonatige Übergabephase aus und zum 1. Oktober im selben Jahr trat Schneider seinen neuen Job als Geschäftsführer einer Etikettierfirma an.

„Absolute Transparenz ist wichtig“, meint Schneider im Rückblick. Hätte er damals pokern wollen und hätte er nicht alle Fakten genannt, wäre das Ausscheiden bei Hoechst zum Fiasko geworden. Doch bei aller Offenheit krankte es an einer Stelle: „Das Zeugnis“, sagt Pietrus. Selbst, wenn ein Beschäftigungsverhältnis von beiden Seiten fair beendet werde, verzögere sich doch immer wieder die Übergabe des Arbeitszeugnisses, hat die Skillsoft-Personalchefin beobachtet. „Das scheint entweder beiden Seiten unangenehm zu sein oder nicht wichtig genug“, sagt die HR-Frau.

Auch Schneider tappte in die Falle und schrieb sein Zeugnis eigenhändig, sein ehemaliger Personalleiter „übersetzte“ es dann in rechtlich korrekte Formulierungen. Aber das dauerte fast ein Jahr. Pietrus rät: „Tippen Sie nie ihr eigenes Zeugnis, sondern bestehen Sie bei der Kündigung darauf.“ Üblich sei es inzwischen, dass Absätze zu Arbeitsumfang und -leistung oder Umgang mit Kollegen, Kunden und Chefs vorformuliert sind. Vorgesetzte wählten dann wie nach Noten aus und auf dieser Basis formulieren Personalabteilungen entsprechende Arbeitszeugnisse.

… und vom Vorgesetzten

Schneider ist inzwischen selbst Inhaber eines 150 Mitarbeiter großen Unternehmens, verantwortet den Vertrieb und die kaufmännische Seite. Für den Technik-Part hat er seinen technischen Geschäftsführer Mike Müller. Und kennt nun auch die andere Seite. „Kündigt eine Führungskraft, bin ich nicht nachtragend“, sagt der Unternehmer. Meist zeichne sich das ohnehin im Vorfeld ab. Einen Grund dafür vermutet der Mittelständler in den Persönlichkeiten. „Es gibt Menschen, die für den Aufbau eines Unternehmens topp sind.“ Andere seien hingegen besser, wenn es um die Verbesserung von Bestehendem gehe. Da seien Jobwechsel normal, sagt der Stratege.

Auch Pietrus weiß, dass viele Chefs dank Vorahnungen oder feinen Antennen selten ein Abgang überrascht. Ärgerlich nur, wenn man den Mitarbeiter angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels gerne halten möchte. „Manchmal helfen Weiterbildungen und dazu passende Beförderungen, um eine sich abzeichnende Kündigung abzuwehren. Wer hier vorbereitet ist und im Gespräch mit seinen Leuten bleibt, kann souveräner reagieren“, bestätigt Pietrus.

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Daniela Reichart, Jahrgang 1986, ist Wirtschaftsjournalistin. Bereits während ihres B.A. Studiums für Germanistik und Politikwissenschaft arbeitete sie bei Zeitungen, absolvierte Praktika sowie Volontariat und arbeitet heute für unterschiedliche Fachmagazine mit technischem und wirtschaftlichem Schwerpunkt.

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