Verhandeln im Vertrieb: Warum Sie nicht mit Ihrem Wunschkunden starten sollten

Viele Verkäufer starten ausgerechnet mit dem Kunden, den sie unbedingt gewinnen wollen. Verständlich – aber riskant. Wer zu früh emotional investiert ist, verhandelt vorsichtiger, macht schneller Zugeständnisse und setzt den Preisanker zu niedrig. Besser: erst Vergleichswerte sammeln, dann mit dem Wunschkunden verhandeln.

Verhandeln im Vertrieb: Warum Verkäufer nicht mit dem Wunschkunden starten sollten und wie Vergleichswerte die Preisposition stärken.
Verhandeln im Vertrieb: Warum Verkäufer nicht mit dem Wunschkunden starten sollten und wie Vergleichswerte die Preisposition stärken.© Ismail, peopleimages.com/stock.adobe.com

View: 156 Kommentieren: 0

Verhandlungen werden oft aus der Perspektive des Einkäufers betrachtet. Doch auch für Verkäufer liegt hier ein strategischer Hebel: die Reihenfolge der Gespräche.

Wer seine gesamte Energie sofort in den wichtigsten Kunden investiert, verliert häufig Verhandlungsmacht, bevor die eigentliche Preisverhandlung beginnt.

Warum der Wunschkunde oft die Verhandlungsposition schwächt

Verhandlungen funktionieren nicht isoliert, sondern immer im Vergleich. Ein Kunde bewertet Ihr Angebot nie absolut, sondern relativ zu anderen Optionen, Gesprächen und Erfahrungen.

Und genauso verhält es sich auf Verkäuferseite. Wenn Sie ausschließlich auf einen einzigen Favoriten fokussiert sind, fehlt Ihnen nicht nur ein objektiver Marktvergleich, sondern oft auch die notwendige emotionale Distanz.

Wie emotionale Abhängigkeit Preisgespräche verändert

Viele Verkäufer kennen das Gefühl: Der potenzielle Kunde passt perfekt. Große Marke, gutes Standing, spannende Perspektive. Man möchte diesen Auftrag unbedingt gewinnen.

Genau das verändert jedoch oft unbewusst das eigene Verhalten. Plötzlich wird vorsichtiger argumentiert. Kritische Rückfragen werden abgeschwächt. Der Preis wird defensiver präsentiert. Zugeständnisse werden schneller gemacht. Warum? Weil emotional bereits viel investiert wurde und man Angst hat, den Abschluss zu verlieren.

Der Kunde spürt diese Unsicherheit. Wer einen Auftrag „zu sehr will“, verliert häufig seine natürliche Souveränität.

Warum Vergleichswerte im Vertrieb so wichtig sind

Starke Verkäufer gehen deshalb strategisch vor. Sie sprechen zuerst mit anderen Interessenten, testen Argumentationen und sammeln Vergleichswerte.

Sie erkennen, welche Einwände regelmäßig kommen, welche Mehrwerte überzeugen und wo echte Preis- und Leistungsspielräume liegen.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein Verkäufer möchte eine große Unternehmensgruppe als Kunden gewinnen. Das Unternehmen gilt intern bereits als „Traumkunde“. Im ersten Gespräch versucht der Verkäufer sofort, besonders entgegenkommend zu sein. Er gewährt früh Sonderkonditionen, bietet zusätzliche Leistungen an und reduziert seinen Preis schneller als geplant, um die Wahrscheinlichkeit eines Abschlusses zu erhöhen.

Parallel dazu führt er später Gespräche mit anderen Unternehmen derselben Branche. Überraschenderweise stellt sich heraus, dass diese Kunden deutlich höhere Preise akzeptieren, längere Vertragslaufzeiten unterschreiben und weniger Zusatzleistungen erwarten.

Plötzlich erkennt der Verkäufer, dass er beim Wunschkunden viel zu früh in die Defensive gegangen ist, nicht wegen des Marktes, sondern wegen seiner eigenen emotionalen Haltung.

Der Ankereffekt: Wie das erste Gespräch Ihre Preislogik prägt

Genau hier spielt Psychologie eine entscheidende Rolle. In Verhandlungen wirkt der sogenannte Ankereffekt. Das erste ernsthafte Gespräch beeinflusst unbewusst die eigene Wahrnehmung darüber, was „realistisch“ oder „durchsetzbar“ erscheint.

Wenn Sie sofort mit Ihrem Favoriten starten und dort defensiv auftreten, setzen Sie Ihren eigenen mentalen Anker zu niedrig. Sie gewöhnen sich innerlich daran, Preisnachlässe zu geben oder Kompromisse einzugehen.

Wie Verkäufer mit mehreren Optionen souveräner verhandeln

Führen Sie zuerst Gespräche mit anderen Interessenten, entsteht ein anderes Mindset. Sie sammeln Sicherheit, erkennen Marktpotenziale und positionieren Ihren Wert klarer.

Vergleichswerte stärken auch die Argumentation. Wenn andere Kunden bestimmte Preise oder Konditionen akzeptieren, verhandeln Sie nicht mehr aus Unsicherheit, sondern aus Erfahrung.

Die besten Verkäufer wirken nicht bedürftig. Sie wirken gefragt. Genau das schafft Vertrauen und stärkt die Verhandlungsposition.

Was Vertriebsentscheider konkret daraus ableiten sollten

Mit jedem Gespräch entsteht mehr Sicherheit. Für Verkäufer bedeutet das konkret:

  1. Bauen Sie bewusst mehrere Chancen parallel auf.
  2. Nutzen Sie Gespräche mit anderen Interessenten als Trainingsfeld.
  3. Beobachten Sie Preisreaktionen, Einwände und Entscheidungsprozesse.
  4. Dokumentieren Sie, welche Argumente funktionieren und wo Kunden echten Mehrwert erkennen.

Fazit der Expertin

Verhandlungsmacht entsteht vor dem Preisgespräch

Stärke in Verhandlungen entsteht nicht durch Druck, sondern durch Unabhängigkeit. Wer Alternativen hat, verkauft ruhiger. Wer ruhiger verkauft, wirkt kompetenter. Und wer kompetent wirkt, muss seltener über den Preis diskutieren.

Erfolgreiche Verhandlungen beginnen deshalb lange vor dem Preisgespräch: mit der richtigen Strategie, der richtigen Reihenfolge und der Fähigkeit, emotional unabhängig zu bleiben.

 

Der Vetriebsnewsletter

Das Neuste aus der Vertriebswelt — direkt in Ihrem E-Mail Postfach!

Hier anmelden

Melde Dich jetzt zum Newsletter an

*“ zeigt erforderliche Felder an

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
Name*
Die Informationen, die Sie uns zur Verfügung stellen, werden in Übereinstimmung mit unseren Datenschutzbestimmungen verwendet. Sie haben die Möglichkeit jederzeit Ihre Angaben zu widerrufen.
Ulrike Knauer

Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert